Montessori-Zweig

 


 


Schulkonzept für den Montessorizweig



"Hilf mir, es selbst zu tun!"


Seit 1996 besteht der Montessori-Zweig als Angebot besonderer pädagogischer Prägung mit vier jahrgangsgemischten Lerngruppen an der Ganztagsschule Drispenstedt (GTS).

Für den Montessori-Zweig sind die niedersächsischen Kerncurricula und Lehrpläne ebenso verbindlich wie für die Regelklassen.

Durch die Freiarbeit (FA) in der Montessori-Pädagogik wird den Kindern dieses Schulzweigs die Chance ermöglicht, die Prinzipien der Selbstständigkeit, Verantwortlichkeit und Entscheidungskraft zu erlernen sowie eigene individuelle, spontane und schöpferische Aktivitäten zu entfalten.


In einer Zeit, in der Entwurzelung, Orientierungslosigkeit, Langeweile, Gewalt und Drogen unter Kindern und Jugendlichen bedrohliche Ausmaße annehmen und der gesellschaftliche Wandel an Geschwindigkeit mehr und mehr zunimmt, stellt sich immer dringlicher die Frage, wie es möglich ist, dass die Kinder zu harmonischen ausgeglichenen Menschen heranwachsen können, die auch die innere Kraft besitzen, sich den Herausforderungen unserer Welt auf kreative Weise zu stellen.“ (Valentin,L.: Zeitschrift: Mit Kindern wachsen. Heft 1/1996, S. 8).


In diesem Sinne ist das Erziehungsziel, die Kinder auf die Herausforderungen ihrer Zeit vorzubereiten, die sie mehr und mehr selbstständig und unabhängig von äußerer Führung meistern können.

 

Gliederung:


1. Maria Montessori: Leben und Werk
2. Rahmenbedingungen
3. Ganztagsangebot / Schulleben / zeitlicher Ablauf
4. Das Team

5. Das pädagogische Konzept
6. Würdigung der kindlichen Arbeit / Leistungsbeurteilung

7. Elternarbeit

8. Kooperation Schule / Kindergarten

9. Literatur

 

 

    1. Maria Montessori: Leben und Werk


Die italienische Ärztin und Pädagogin Maria Montessori wurde im Jahr 1870 in Chiaravalle bei Ancona geboren. Sie studierte in Rom und war 1896 die erste promovierte Medizinerin Italiens. Nach ihrer Zeit als Assistenzärztin in der Kinderabteilung der psychiatrischen Universitäts-klinik in Rom wurde sie Direktorin eines heilpädagogischen Instituts.

1907 eröffnete Maria Montessori das erste Kinderhaus im Elendsviertel Sankt Lorenzo in Rom. In den folgenden Jahrzehnten erlangte der pädagogische Ansatz Maria Montessoris zusehends internationale Bedeutung. Sie bereiste Europa, Nord- und Südamerika und auch Indien, um dort Vorträge zu halten und Kurse zu geben. 1949 zog sie nach Holland, wo sie am 6. Mai 1952 Noordwijk aan Zee starb.

Die pädagogischen Ideen Maria Montessoris sind seither jedoch nicht in Vergessenheit geraten. War die Erziehung zur Selbstständigkeit in der Vergangenheit lange Zeit verpönt, so erlebt genau dieser Ansatz derzeit eine wahre Renaissance.

     

    2. Rahmenbedingungen


Der einzügige Montessori-Zweig ist eingebettet in die Ganztagsschule Drispenstedt (GTS) und Mitglied der Montessori-Vereinigung Köln, Sitz Aachen. Nach der Evaluation im Jahr 2005 durch Ervin Resch (Dozent und Vertreter der Montessori-Vereinigung), ist der Zweig anerkannte Hospitationsstätte im Rahmen der Montessori-Diplomkurse.

Bei der GTS handelt es sich um eine staatliche Schule mit ganztägigem Betreuungsangebot in Form von Nachmittagsunterricht und unterschiedlichsten Arbeitsgemeinschaften im musisch-/kulturellen, sportlichen und freizeitpädagogischen Bereich.

Der Schulzweig mit dem Standort Hildesheim-Drispenstedt ist vom Schulträger (Stadt Hildesheim) als einzügiger Schulzweig (also mit vier Lerngruppen) genehmigt, daher besteht eine begrenzte Aufnahmekapazität.

Die Ganztagsschule Drispenstedt wurde in den 50er Jahren ursprünglich als Schulzentrum gebaut. Dadurch hat die Schule heute eine gute räumliche Ausstattung, z.B. eine Aula mit Theaterbühne, Fachräume für Musik, Kochen, Werken, Töpfern, einen Mehrzweckraum und eine Sporthalle. Zur Freizeit- und Pausengestaltung gehört eine großzügige Pausenhalle und ein großer Schulhof mit Spiel- und Naturflächen sowie einer Außensportanlage. Auch die nahegelegene Schwimmhalle wird von der Schule mit genutzt.

Die vier Montessoriklassen befinden sich in einem zentralen Aufgang des Hauptgebäudes. Zu je zwei Klassen gehört ein Gruppenraum. Die Klassenräume entsprechen der Normalgröße.

 

 

 

 

 

    3. Ganztagstagsangebot / Schulleben / zeitlicher Ablauf


Als Ganztagsschule hat die GTS Drispenstedt das gleiche Fächer- und Lernprogramm wie andere Grundschulen auch. Darüber hinaus bestehen besondere Angebote (siehe Rahmenbedingungen).

Ein Schwerpunkt der Ganztagsschularbeit ist das Kinder-Kultur-Programm mit Theateraufführungen, regelmäßigen Schulfeiern (Forum) in der Aula für alle Kinder, bei der sie Lieder, Tänze, Akrobatisches, Gedichte, Geschichten, Theaterstücke oder andere Ergebnisse aus dem Unterricht präsentieren.

Viele Kinder nehmen im Rahmen der ganztägigen Versorgung am täglichen warmen Mittagessen teil. Ebenso werden etwa 80 Kinder in festen Freizeitgruppen von Erzieherinnen und Sozialpädagoginnen täglich bis 15.00 Uhr bzw. 16.00 Uhr betreut.

Das Medienkonzept der GTS sieht vor, dass alle Schülerinnen und Schüler mit der Arbeit am Computer vertraut gemacht werden und diesen zielgerichtet zum Lernen einsetzen können.

Im Rahmen des Schulprogramms der GTS findet im Montessori-Zweig montags und mittwochs klassengebundener Nachmittagsunterricht bis 14.50 Uhr statt, der für die Bearbeitung übender Aufgaben genutzt wird (s.u). Zusätzlich sollte jedes Kind an einem dritten Nachmittag ein AG-Angebot nutzen.


Der Tagesablauf in einer Klasse des Montessorizweigs im Ganztagsschulbetrieb könnte wie folgt aussehen:

7:55 - 9:40 Uhr FREIARBEIT mit Frühstückspause
9:40 - 9:55 Uhr Hofpause
9:55 - 11.30 Uhr Fachunterricht (Mathe, Deutsch, Sachunterricht) in jahrgangsgebundenen Lerngruppen

11:30 - 11.45 Uhr Hofpause
11:45 - 12.30 Uhr Fachunterricht

12:30 - 13:15 gemeinsame Mittagspause

13:15 - 14.50 Uhr klassengebundener Nachmittagsunterricht oder Arbeitsgemeinschaften


Der gebundene Unterricht liegt nach der ersten großen Pause im 2. Block des Schulvormittags. Gebundener Unterricht heißt: Alle Kinder einer Jahrgangsgruppe arbeiten gemeinsam an einem Lehrgang.

Es werden alle Fächer der Stundentafel erteilt: Deutsch, Mathematik, Sachunterricht, Religion, Musik, Kunst und Sport. Englisch, Schwimmen, Werken und textiles Gestalten werden ab dem dritten Schuljahr erteilt.


Hausaufgaben

Lediglich Übungen zu anstehenden Lernzielkontrollen, Leseübungen, 1x1-Übungen u.ä. finden im Elternhaus statt.

Weiterhin ist das Kind selbst verantwortlich für eine aufgeräumte und vollständige Schultasche, Sportkleidung, speziell angeforderte Bastelmaterialien und ähnliches. Das Kind ist als Forscher und Experte gefordert. Es sammelt zu Hause Materialien oder Informationen, um sie an die Klasse weiterzugeben.

Trotz der vielen Übungsmöglichkeiten, die das Montessorimaterial bietet, ist auch die häusliche Übung wichtig – bei einem Kind mehr, bei dem anderen weniger.

Darüber hinaus können Sie Ihr Kind gut unterstützen, indem Sie ihm kleine Aufgaben im Alltags- und Familienleben schon früh zutrauen. Damit meinen wir beispielsweise den eigenständigen Gang zum Bäcker oder den Weg vom Auto in die Schule. Dabei ist es wichtig, dass die Unterstützung durch die Eltern nach dem Prinzip Maria Montessoris „Hilf mir, es selbst zu tun!“ erfolgt.

Wandertage, Erkundungsgänge, Theater- und Museumsbesuche, Projekte sowie kulturelle und naturkundliche Darbietungen in der Schule gehören wesentlich zum Schulleben.

Einen besonderen Stellenwert hat der Schullandheimaufenthalt. Er findet im gesamten Montessorizweig in der Regel alle zwei Jahre statt und dient der intensiven Förderung der Klassen- und Montessorigemeinschaft. Weiterhin gibt ein Schullandheimaufenthalt den Kindern die Möglichkeit, sich in anderen Situationen zu erleben.

 

     

     

    4. Das Team


Die unterrichtenden Lehrerinnen haben neben der beruflichen Motivation auch aus persönlicher Überzeugung zusätzlich einen zweijährigen Diplomkurs absolviert.

In regelmäßigen Team-Stunden beraten, planen und reflektieren sie den Unterricht und informieren sich gegenseitig über das Arbeits- und Sozialverhalten der Schüler.

Durch die Jahrgangsmischung und den jahrgangsgebundenen Fachunterricht ist der intensive Austausch eine notwendige Basis zur Beurteilung und gezielten Förderung und Forderung der Schülerinnen und Schüler.

Neben der individuellen Weiterbildung ist die regelmäßige Teilnahme des Teams an Fortbildungsveranstaltungen selbstverständlich.

 

 

    5. Das pädagogische Konzept

Grundzüge der Montessori-Pädagogik

Grundlage dieser Pädagogik waren und sind Beobachtungen an Kindern – „Das wichtigste Werkzeug des Leiters und Eckstein unserer Arbeit“. Aus diesen Beobachtungen und vor dem theoretischen Hintergrund einer Ärztin, die aufbauend Erziehungswissenschaften studierte, hat Maria Montessori ihre Pädagogik entworfen, in die Praxis umgesetzt und weiterentwickelt.

Ziel ihrer Arbeit war eine Pädagogik, die primär die Entwicklung des Kindes in den Mittelpunkt stellt. Montessoris Pädagogik ist heute weltbekannt und wird in vielen Ländern praktiziert bzw. weiterentwickelt.

Viele ihrer damals revolutionären Gedanken sind inzwischen allgemein anerkannt:
Die Kindheit betrachtet sie als ein Stadium, das einen Wert für sich hat. Die Entwicklung des Kindes, das Reifen zum Erwachsen sein vollbringen nicht die Erwachsenen; das Kind ist „der Baumeister seiner selbst“.
Das ganze unbewusste Streben des Kindes ist nach Montessori auf Loslösung und Unabhängigkeit vom Erwachsenen gerichtet.
Hierbei braucht es die Auseinandersetzung mit der Welt und die Anregung und Unterstützung durch den Erwachsenen. Durch Eigentätigkeit und Auseinandersetzung mit seiner Umwelt kann das Kind Selbstständigkeit erlangen und sich zur unabhängigen und freien Persönlichkeit entwickeln.

Mit diesem Menschenbild Maria Montessoris sind zugleich die wichtigsten Erziehungsziele ihrer Pädagogik abgesteckt: Das Kind soll sich von Geburt an schrittweise zu einem selbstständigen, unabhängigen Menschen entwickeln können. Auch Lernen soll ganzheitlich, das heißt mit allen Sinnen geschehen können. Das Kind arbeitet und lernt so individuell wie möglich. Dazu braucht es Erwachsene (Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen), die es entsprechend seiner Möglichkeiten begleiten, anleiten und hinführen: 

„Hilf mir, es selbst zu tun“ und „Baumeister seiner selbst“ zu werden. Für die Umsetzung des Konzeptes ist es wichtig, dass die LehrerInnen und Eltern die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Veränderung mitbringen, zum Beispiel neue Umgangsformen mit Kindern zu entwickeln, sie als gleichwertige Persönlichkeiten zu akzeptieren, authentisch auf sie zu reagieren.


Für die Lehrkräfte stellt dies die Basis für die täglich stattfindende Freiarbeit dar. Die „Polarisation der Aufmerksamkeit“ ist ein wichtiger Aspekt der Freiarbeit. Sie ist gleichzusetzen mit Konzentration und intensivem Kontakt des Kindes mit dem Lerngegenstand. 

Für die Lehrkräfte stellt dies die Basis für die täglich stattfindende Freiarbeit dar. Die „Polarisation der Aufmerksamkeit“ ist ein wichtiger Aspekt der Freiarbeit. Sie ist gleichzusetzen mit Konzentration und intensivem Kontakt des Kindes mit dem Lerngegenstand.

Wenn ein Kind nun seine Aufgabe gewählt und begonnen hat, sich intensiver damit auseinanderzusetzen, soll der MontessorilehrerIn das Kind bei seiner „Polarisation der Aufmerksamkeit“ nicht mehr stören oder unterbrechen. Die Hauptphase dieser Polarisation umfasst eine große Arbeit des Kindes und dauert unterschiedlich lange. Sie ist bedeutsam für die intellektuelle, emotionale und soziale Entwicklung des Kindes und stellt den „Schlüssel zur Selbstbildung“ dar.

Wichtige Bedingungen, wie zum Beispiel die behutsame Zurückhaltung und indirekte Lenkung durch die LehrerInnen – „Folge dem Kind“, aber auch ein Angebot an angemessenen Übungen und Materialien in vorbereiteter Umgebung sowie die Beachtung und Herausforderung der sensiblen Phasen des Kindes müssen erfüllt sein.

Maria Montessori teilt die kindliche Entwicklung in drei Hauptphasen ein, die Aufbauphase (0 bis 6 Jahre), Ausbauphase (6 bis 12 Jahre) und Umbauphase (ab 12 Jahren). Jede Phase ist geprägt von einer besonderen Empfänglichkeit des Kindes von vorübergehender Dauer zum Erlernen bestimmter Fähigkeiten.

 

Die vorbereitete Umgebung in der Schule, die beobachtenden LehrerInnen sowie ein intakter Klassenverband haben eine besondere pädagogische Bedeutung und sind Grundvoraussetzungen für die Auseinandersetzung mit den Lerngegenständen.

 

 

Die wesentlichen Elemente der vorbereiteten Umgebung sind:

  • das Montessori-Material, das zu den Entwicklungsaltern der Klasse in allen Lernbereichen (Mathematik, Sprache und Kosmische Erziehung) vorhanden ist

  • selbst erstellte und erworbene Materialien, die – ausgerichtet auf ihre jeweiligen Zielsetzungen – den didaktischen Prinzipien der Montessori-Pädagogik gerecht werden (Experimentalpädagogik)

  • nach Sachbereichen und innerhalb der Bereiche sinnvoll geordnete Materialbestände (übersichtliche Raumstruktur und –gestaltung)

  • der gesamte Materialbestand ist für die Kinder frei zugänglich; das Ordnungssystem ist von ihnen selbstständig einzuhalten.

  • ausreichend Freifläche für Materialarbeit (Arbeit auf Teppichen für großräumig auslegbare Materialien)

  • genügend Bewegungsfreiheit für die Kinder („Verkehrswege“)

  • auch Nebenräume und Flure sind als vorbereitete Umgebung mit einzubeziehen.

 

Jedes Material ist in der Regel nur einmal vorhanden, so dass die Kinder lernen, zu warten und Absprachen zu treffen. Ziel ist es, die Kinder aus einer kleinen geordneten Umgebung Schritt für Schritt in die großen Ordnungen der Welt einzuführen. Das Material gibt Klarheit, weil es konkret ist. In jedem Material wird eine Eigenschaft besonders hervorgehoben, „isoliert“, der Schwierigkeitsgrad wird stufenweise aufgebaut.